ruhige zeit auf fixpoetry

heisse bis brandheisse ereignisse der weltpolitik vor der eigenen verzweifelten rezeption wegzuschließen ist nicht immer einfach; gleichwohl zum überleben und zur gesunderhaltung der psyche existenziell notwendig. ich empfehle gedichte. noch bis 31.01. ruht die aktivität von deutschlands vielleicht beliebtester plattform für zeitgenössische lyrik weitgehend – danach geht es wieder los mit rezensionen, kolumnen, terminen, diskursen und diskussionen rund um die spannenden hervorbringungen der deutschsprachigen wie auch der internationalen literaturszene. bis dahin gibt es wie an jedem tag des jahres etwas, das sie nicht verpassen sollten: den text des tages. zum genießen, wundern, stöbern (archiv), manchmal auch in kongenialer verschlingung mit grafik und/oder foto oder sogar als gedichtfilm wie die heutigen gelungenen „tetrisgedanken“ von claudia kohlus:

https://www.fixpoetry.com/texte/text-des-tages/claudia-kohlus/tetrisgedanken

[eine nachdenkliche frau auf einem berg]

 

an und im auge balken

blindes gefühlsgemogel

 

erkenntnis zu entkalken

stehst du auf hohem kogel:

 

zu zogst dir einen falken

nun hast du einen vogel

kindereien, männereien

peter maffay, 70, ist mit einer 32-jährigen zusammen. ja und? ich war siebzig, und sie zweiundreißig – und von der pflege, da wusste sie nicht vieehiihiel. ich wusste auch nix, und ich liess sie spüren: ich war kein mann mehr … und als ein greis sah ich die sonne sinken. und es war spätherbst … denkste, das hat sogar noch zu nem neuen kind gereicht. wieder zeh oh zwei für vierundzwanzig luxussportwagen. in gaza kann man es noch besser, interessierte kräfte verteilen gar kostenlos künstliche befruchtungen, im schnitt vier kinder pro frau sind gesellschaftlicher konsens. dafür: keinerlei fernreisen, nicht mal tagesausflüge, da seien israel und mittelmeer vor. dazu kontrastierend die einhornsucher der britischen inseln, die sich von der eu ums verrecken nicht mit einem pony abspeisen lassen wollen. das brexi-tier der brexiteers ist eine ziege mit einem abgesägten horn. zickenkrieg ist nur das weibliche äquivalent zum männlichen bocksscharmützel. die schar der mützelböcke hat ihre mützel tief in die stirn gezogen und schickt sich an loszustürmen, egal woraufzu. besser, man steht nicht im weg, wenn sie vorbeistampeden. auf stampedia kann man sich den geplanten verlauf der konterrevolution anschauen. auch der untergang ist perfekt planbar. wohlan.

kazettkadaver fressen

dank der tierwohl-initiative der fleischlobby haben wir nun die wahl zwischen sau- und eberleichen aus auschwitz / stufe eins, theresienstadt / stufe zwei oder „auf der flucht erschossen“ / stufe 3. ok, nazivergleiche hinken immer, aber nicht so sehr wie schweine, die sich nicht umdrehen oder hinlegen können und sich gegenseitig die schwänze abbeißen. so weit, so saumäßig. was mich allerdings wirklich nachdenklich macht ist mein offenbar vollkommen unempathischer organismus. die fleischeslust ist nämlich ungebrochen. also bei mir jedenfalls. auch wenn ich in der tierwohlverordnung lese, dass „ab 360 entbluteten schweinen je stunde“ bestimmte personalkriterien greifen müssen, „weitere schlachtarbeiten erst 150 sekunden nach dem entblutungsschnitt beginnen“ dürfen und „ab einer bestimmten schlachtgeschwindigkeit besondere vorkehrungen zur sicheren ruhigstellung getroffen werden“ müssen, kommt mir der soeben genussvoll verschlungene naturdarmkrampen nicht wieder hoch. dazu rede ich mir ein, dass die tofualternative aus den sojaplantagen brandgerodeter amazonaswälder ja auch keine nachhaltige ernährungslösung darstellen kann, oder? was aber will mir mein körper sagen? dass er in der lage ist weitgehend ungehindert mein moralisches empfinden zu dominieren? dass er ein archaisches monstrum ist? dass es besser wäre, sich den schönfärbereien der (sch)weinkönigin julia klöckner anzuschließen statt sich selbst vorhaltungen zu machen, langsam aber sicher vom homo sapiens zum homo brutalis zu mutieren? ich habe bisher keine lösung gefunden. nicht mal weniger oft fleisch zu mir zu nehmen will mir so recht gelingen.

aber bei fff am kommenden freitag bin ich wieder dabei, versprochen.

 

und greta segelt

staedte gurgeln unter dem sommer +++ ein gesandter luegt uns die luft rein +++ in jeden regentag ludest du farben +++ ein guldenstratege lieh dir sein boot +++ und greta segelt +++ deine gegner haben alles als trend ausgelegt +++ ihre testluege drang in jedes ohr +++ und greta segelt +++ unter dem dunst gelagerte plastikinseln +++ an jedem gestade lungert der tod +++ im strandgutgelee aus unabbaubarem +++ und greta segelt +++ sie sagen, man teste grundlage und wirkung +++ behaupten, gnade gelte stur fuer alle +++ bis das meer uns durch die gaenge strudelt +++ die stete darlegung deiner thesen +++ und greta segelt

 

send them back

in ihr hirn-, herz- und frackingverseuchtes, verderbtes, von verlogenen und bigotten arschgeigen befiedeltes amerika, die mörderbande im tarnanzug, diese unmenschen, in ramstein und anderswo im land. es ist höchste zeit. werft das pack raus, zieht vor die kasernentore und skandiert: send them back! send them back! und sie mögen ihren dauergrinsenden botschaftsrohrkrepierer grenell und unsere transatlantiknetzwerker gleich mitnehmen. arschtritt übern teich, raus mit dem gesindel. europa, sieh dich an! wie lange willst du dir noch einreden lassen, dass die usa deine freunde sind? schenk ihnen britannien – and send them back.

ach, tut das gut, das absondern folgenloser hasstiraden. besser wäre es, einfach nicht mehr hinzuhören, was man uns so erzählt. wer sich wieder was geleistet hat. wer alles zu uns will und nicht darf, oder doch. diesen ganzen aufmerksamkeitszirkus, der nur darauf abzielt, jeglichen zusammenhalt unter menschen zu untergraben, die einmal so etwas wie eine gesellschaft gebildet haben. facebook und twitter sind die großen spalter der nation und der nationen, fakenews-journalismus von springer bis taz sind ihre handlanger, eine bande von finanzterroristen ihre strippenzieher. wissen wir ja. und posten und tweeten weiter, als ob es kein morgen gäbe. es gibt wahrscheinlich keins.

strache und der balkan

und wieder ist wer über seine hybris gestolpert. dass dieses ding aber auch immer so lästig vorne herumbaumeln muss! der h.c., also der heinz-christian, dieser humoris causa, hat’s mit allohol und testosteron entschuldigt, oder wie heißt das weiße pülverchen noch gleich, welches uns nebenhoden und -nasenhöhlen so umwerfend stimulieren können soll? ach ja, die ösis, wiegeln jetzt manche ab. hinter passau beginne der balkan, postulierte vater immer. allerspätestens seit der amigoaffäre drängte sich auf, er fange bereits hinter ulm an. und wenn wir endlich mal so richtig ehrlich sein wollen, müssen wir erkennen, dass seine gefühlte grenze sich direkt an dieser feuchten wiese hinterm ruhrgebiet befindet, die man gemeinhin holland nennt. der balkan ist, genau genommen, das europäische kernland schlechthin. un nu schbräschn se europa mol säxsch aus: eiropa. anagrammatisch verwechselt eine aporie. die unmöglichkeit, in einer bestimmten situation die richtige entscheidung zu treffen, weiß freund konrad. und auch wir wieder: von duden und blasen keine ahnung. in diesem sinne: schöne europawahl.

rollenspiele

wenn es stimmt, dass die welt ein film ist, sollte gott einen ehrenoscar erhalten für sein lebenswerk. als drehbuchautor? eher als bühnenbildner und für die grandiose ausstattung. die zahllosen kopfabregisseure sollte man hingegen alle noch einmal auf einer filmakademie kasernieren (dabei gab es doch sogar schon potusse aus hollywood –  nichts wird besser mit den jahren, tss, tss). und wir lausigen laiendarsteller, die kaum am stück ein vernünftiges „die pferde sind gesattelt, herr“ herausbringen, wir werden uns wieder mit statistenrollen begnügen – die nicht nur im fall bewaffneter auseinandersetzungen ganz schnell zu sadistenrollen mutieren werden. doch vorher noch ein wenig deklamieren üben: ein königreich für ein pferd. eine real existierende wertedemokratie für einen euro-sechs-diesel.

museum der vielfalt

vielfliegende fische fischen viele fliegen viele fliegen fischen fischende vielflieger. dass fischers fritze ein netztagebuch schreibt, ist mehr als eine witzige wortwahl, weil es zeigt, dass das weltweite weben inzwischen reflexionssubjekte in seinen bann zu schlagen weiß, die früher sprachlos auf sich selbst oder ihre nachttischschubladenaufzeichnungen zurückgeworfen waren. rezeption ist damit zwar ebenfalls nicht zwangsläufig garantiert, aber immerhin möglich. die demokratisierung der verbreitung von belanglosigkeiten? war es das, was beuys mit seinem postulat meinte, jeder sei ein künstler? und wenn schon, oder wenn auch nicht. an allen weben bleibt was kleben. geheime reime, die privaten frittaten. anthropologfiles für kommende kulturwissenschaftler. ein museum der vielfalt.

struttin‘ …

… heisst stolzieren, weiß der leo. leonardo cipriani nimmt sich des jerry-reed-klassikers auf seine weise an. kopflos im bild, nur in schwarz-weiß flitzen die hände behände über die makellose martin und provozieren beim hörer ein ragtime-gestimmtes inneres hüpfen, dem man sich nur schwer entziehen kann. enjoy.

meine version ist eher von diesem herrn hier beeinflusst, denn ein echter picker werde ich wohl nie. aber egal, der sound darf ja nicht klappern, sondern muss „aaathhmen können“, nicht wahr. john knowles inklusive warm-up-histörchen:

deutschland im vormerz

deutschland im vormerz, der schwarzfels-frieder ante portas, oder darf es doch vielleicht lieber das akk 47 sein, dieses saarländische sturmgewehr des fortschrotts, des foxtrotteltums ewig gleicher melodeien? es scheint sich jedenfalls schon im vorfeld ausgejenselt zu haben, immerhin. wozu auch einen pharma-hobbylobbybobby auf den schild hieven, wenn man mit einem ausgewachsenen oberen mitteltändler ständeln kann? der bürgerliche anstrich der demokratur wird den ewigen rat- und tatschluss weis(s)er alter männer fällen, vermutlich mit hilfe von frauen, die immer noch nicht gemerkt haben, dass sie selbst die hand des heftelns ergreifen könnten. doch wozu auch, die richtung bleibt in jedem falle marktkonform und damit welt-fremd. something new in germany? no, not really. we are still merkeling. doch bald wird ausgemerzt, weggespahnt, oder es macht uns eben doch die anne great. cdu. chaos durch unvernunft.

ein langes gedicht

größer könnten die gegensätze kaum sein, odenwald und istanbul, dresden und der orientalische imbiss, in den ich nach einer lesung mit dem gefeierten lyriker im stadtmuseum hineingeraten bin. ich saß als einziger in der ersten reihe, weil ich weiß, dass lyriker in der regel nicht beißen. doch meine orte sind andere, meine inneren bilder fanden in diesen fremden versen keine entsprechung. dazu der zerrissene duktus des lesenden, der mich geistig andauernd stolpern ließ. nun, bei der niederschrift dieser zeilen, versuche ich mich an seiner form des arbeitens (nicht der des komplizierten baues seiner zeilen, doch an der ungefilterten art der niederschrift, die er postuliert) – wie soll das zusammen eigentlich gehen? die frage, die ich nicht stellte, als gelegenheit dazu gewesen wäre, weil ich mit geschlossenen augen dem verklingenden rhythmus nachspürte. die transformation der literarischen fundstücke mitunter fragwürdig, eine tiefe, bei der ich mir den gehörknöchel verrenkte – doch die falafel des syrischen schnellrestaurants verlässlich und gut.

aufstehen und schreiben

die taz fragte vor kurzem autorinnen und autoren, wie sie es mit aufstehen.de und dem linken populismus halten. man hätte das ganze unkommentiert lassen und einmal mehr die perfidie der gleichsetzung von klaren ansagen zu sozialen und antibellizistischen positionen im linken lager mit dem schwammigen begriff des populismus ausblenden können, aber dazu erscheinen ein paar gedanken doch zu zentral, um sie so ganz unter den tisch fallen zu lassen. kunst und damit literatur ist vor allem ein reflexives moment in bezug zu gesellschaft. sie sollte sich nicht zur speerspitze gleich welcher partei oder bewegung auch immer machen, denn sie ist nach einer stark tradierten, wenn auch sicherlich eurozentristischen perspektive doch zutiefst ein ausdruck von individualität. politik muss sich aufs sammeln, aufs gleichmachen besinnen, kleinste gemeinsame nenner suchen und danach handeln. nur so ist demokratie umsetzbar. eine nach ähnlichen kriterien gestaltete literatur möchte ich nicht lesen müssen. literatur ist nicht demokratisch, sondern im prozess ihrer entstehung radikal monoperspektivisch. das gilt natürlich nicht für ihre rezeption. so sympathisch mir die bisherigen ideen von aufstehen.de auch sind, sehe ich keine veranlassung, mein eigenes schreiben in irgendeiner form daran zu orientieren.

kommentieren auf zeit online

aufstehen.de noch vor dem eigentlichen start der initiative am 4. september medial in die tonne zu treten scheint im deutschen sommerloch zum journaille-volkssport zu mutieren. einen entsprechend anmaßenden und durch nichts faktisch belegten hetzartikel der zeit-kolumnistin mely kiyak namens „doofköppe anne ecke“ mit einer augenzwinkernden paraphrase zu entlarven erwies sich im selbstversuch als nicht möglich, da die zeit-online-redaktion die replik umgehend mit dem hinweis „bitte verzichten sie auf unterstellungen“ löschte. was war passiert? ich hatte auf ein zitat geantwortet, das sich auf statements von zwei befragten, margot und andi, zu den zielen von aufbruch.de auf deren website bezog. o-ton kiyak: „gibt es margot und andi in echt, oder sind sie gecastet? und wer spricht hier eigentlich wirklich? das sind doch nicht margot und andi, sondern oskar und sahra. das weiß man doch.“ um die autorin auf ihren unterstellungsjargon hinzuweisen schrieb ich zurück: „gibt es mely kiyak in echt, oder ist sie gecastet? und wer spricht hier eigentlich wirklich? das ist doch nicht mely kiyak, sondern oligarchenpresse.de.“ obwohl ich sogar den letzten satz, das nun wirklich unsäglichst-unsachliche „das weiß man doch“ weggelassen hatte, war das offenbar zuviel. dabei weiß man es wirklich, die „zeit“ gehört der holtzbrinck-gruppe und damit zu der handvoll von marktbeherrschenden verlagen, die die veröffentlichte meinung in unserer marktkonformen demokratie repräsentieren. das verhalten der onlineredaktion kann man schlichtweg als zensur unter dem deckmantel der netiquette verstehen. lohnt das sich-einklinken in den diskurs unter diesen umständen noch? das muss jeder forist für sich selbst beantworten. aber es fördert im ernstfall den wenig hilfreichen rückzug in die eigene vielbeschworene filterblase.

sieh‘ zu, dass du passt!

regionale kulturförderung ist ein eigen ding, über das ich manchmal nachsinne. vor allem dann, wenn wieder mal eine förderausschreibung für ostwestfalen-lippe, wo ich seit einigen jahren ansässig bin, eintrudelt, auf der dann die motti zu kunstprojekten, für die es geld gibt, aufgelistet sind: wir sind jung, wir sind stadt und land, wir sind digital. mal sehen: ich bin mitte fünfzig, wohne in einer kleinstadt im dreieck hannover-bielefeld-osnabrück und funktioniere seit meiner geburt absolut analog. hat alter mit kunst zu tun? der wohnort? die art und weise der herstellung und übertragung? meine kunst ist (hauptsächlich) das wort. das will geschrieben sein, da schadet erfahrung nicht unbedingt. wir sind jung? wo ich wohne, ist nicht berlin, und das ist mir gerade recht, denn ich bin mehr r.i.p.ster als hipster und ehrlich genug mit mir, um nicht jeden tag schreibend das rad neu erfinden zu wollen. wir sind stadt und land? mir sind inhalte wichtig, nicht übertragungswege. dass neue formen der kommunikation manchmal auch neue, zusätzliche formen künstlerischer auseinandersetzung begünstigen ist eine erfahrungstatsache. aber diese wege zu den einzig förderwürdigen zu erklären ist zeitgeistgeklingel, ein verkennen von tradition und substanz. wir sind digital? die kulturregion ostwestfalen-lippe mag es mir verzeihen, wenn ich weiterhin ungefördert in ihr wirke. falls ich überhaupt irgendwie wirke.

das ende der lyrikwelt

am vergangenen samstag wollte ich mal wieder auf lyrikwelt.de vorbeischauen, um mir eine dosis poesie und ein paar neuigkeiten aus meinem liebsten nichtbusiness abzuholen. ich klickte ins leere. die lyrikwelt gab es offenbar nicht mehr. ich glaubte erst einmal an ein versehen. nun ist mir der initiator hans-werner gey aufgrund meiner jahrelangen eigenen tätigkeit für das portal namentlich bekannt. ich schrieb ihm und erfuhr, dass er sich wegen der neuerungen in der dsgvo seit 25.05.2018 dazu entschlossen habe, die seite vom netz zu nehmen. so weit sind wir also schon gekommen mit unserer angst vor verbrecherischen abmahnanwälten, mit unserem bemühen, die welt durch mehr rechte für den einzelnen an seinen eigenen daten besser zu machen, mit unserem kinderglauben, brüssel würde es schon irgendwie richten. eine institution stirbt (und sie ist ja nur eine von vielen), eine wichtige poesieaffine stimme in diesem land, mit ihr die sammlung all der vielen hundert buchrezensionen und informationen aus der literarischen welt, während das klatschkäsegesichtige kalifornische jüngelchen, dessentwegen der ganze unsinn an gesetzesauflagen stellvertretend verzapft worden ist, durch die parlamente diesseits und jenseits des atlantik tingelt und den freundlichen jungen von nebenan gibt. wer jetzt noch auf facebook ist, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

tamam-tamtam

nun ist es passiert: zwei türkischstämmige spieler aus der deutschen fußballnationalmannschaft haben sich mit dem sonnensultan vom bosporus ablichten lassen, und einer hat ihm sogar was von respekt für „seinen“ präsidenten aufs englische vereinsleibchen gekritzelt. uh, ganz daneben. ausgerechnet die helden der hinter- und hauptschulhöfe machen wahlwerbung für den grassierenden erdowahn und zertrümmern damit in sachen integration metaphorische kniescheiben des biodeutschen linksliberalismus. tamam, ihr vollpfosten, und schönen dank auch für den fehlpass nach rechts. das tamtam und der erwartbare fäkaltornado in den asozialen schmutzwerken werden jetzt wieder für aufmerksamkeit für die deutsche nationalmannschaft sorgen. hat ja kaum noch einer hingeschaut, was da so geht bei den rasenzerstörern. ich tippe auf ein abgekartetes spiel mit blick auf die wm. nur: diesmal waren es die türken, nicht die russen, ausnahmsweise, die die nebelgranaten warfen. also tamam hamam, und raus aus dem dampfbad, damit die sicht schnell wieder klar wird.

bericht aus den strategieforen

nur drei tagereisen fort bricht etwas weg. um den etat sorgenfrei zu stellen wird nun in den strategieforen ein steiferer tango getanzt. die herolde des systems blasen ein reineres fagott. schon wird die testorange reif, unsere umgebung erstrahlt nun in einem fettigeren rosa. waehrend eine datenkrake noch ihre faenge sortiert, geraet uns infra-geortetes versehentlich ins eigene straftor. geblubber, als gaerte restinfo irgendwo. pariert da etwa ein agent stoerfrei? zeit, dass man in stereo angreift. beschlussfassung, die stegreifnotare rotieren. die rostfreien tage sind geschichte. ab sofort kleinere stuecke von der faserigen torte, angstfreie orte sind suspendiert, allgemein wird fron-taetigeres erwartet. zur eigenen totenfeier sarg ohne sekt. nur die frosteintraege sind nun des oefteren gratis.

langfinger

es ist ja so haarsträubend ungerecht, dass manche gitarristen so wunderbar lange finger ihr eigen nennen dürfen (vor allem den kleinen an der greifhand!) wie walter rodrigues jr. – schön zu sehen an einer adaption von stevie wonders „isn’t she lovely“, das ich in einer ganz anderen version spiele (spielen muss, mit meinen fast schon verkrüppelt wirkenden vierten fingern). neid! im ernst: eine wunderbare komposition, einfühlsam für die gitarre transkribiert und mit seele und könnerschaft dargeboten.

#ischooch

so, frolleinschen. vergiftete komplimente und zum schluss das obligatorische vorzeigen des fleischgewordenen unterwerfungshobels. unter der hacktasche #ischooch können nun alle ossilierinnen ihre erfahrungen mit sächsistischem gedankenschlecht in den elektronischen vogelsang zwitschern. wird auch zeit. es war nicht alles mies und es sind auch nicht alle mies. aber diese trumpismen von driiiebn sind viel älter, als mann denkt (denkt mann überhaupt? na ja, mannchmal vielleicht). unnerm ärisch hädds des nisch gegäbn? doch, denn respektvolles verhalten nicht nur sexynnen gegenüber war und ist eine frage des klasse-bewusstseins, auch im arbeiterinnen- und bäuerinnenstaat. früher war alles besser? nö. aber dafür kann es heute nur noch besser werden.

minden am weserfjord

so sähe ein abschnitt der norddeutschen küste aus, wenn der meeresspiegel um 40 meter anstiege. es ist fast sicher davon auszugehen, dass sich die immobilienpreise am glacis verdreifachen würden. minden hätte eine neue zukunft als hansestadt und berlin wäre auf dem seeweg erreichbar. und das schönste: man muss dafür gar nichts tun. man muss nur weitermachen wie bisher und abwarten.

stimmen

manchmal träume ich und vernehme stimmen. zum beispiel höre ich steinmeier auf rivlins frage, wann auch deutschland seine botschaft nach jerusalem verlegt, antworten: an dem tag, an dem wir unsere botschaft für palästina in al-quds eröffnen. ich höre gott, wenn er versichert, dass er sich nicht durch die anbetung seiner gläubigen definiere, er habe da ganz andere und souveränere quellen der selbstlegitimation. ich vernehme die stimme, die mir sagt: an dem tag, an welchem du aufhörst, deine linke augenbraue wieder und wieder zu zerstören, ist der tag, an dem deine genesung beginnen kann. parallel dazu läuft ein film ab, in welchem ich die augen schließe und meine fingerspitzen an die schläfen setze. kontemplation, die das unmögliche möglich scheinen lässt. es liegt an mir.

der neue bornhöft

rezension zu: „platons gastmahl oder die liebe zum heroin“ von peter bornhöft
shaker media, aachen 2017, eur 12,90, isbn 978-3-95631-547-3
der bielefelder lyriker, essayist, erzähler und literarische herausgeber peter bornhöft, der im vergangenen jahr bereits seinen achtzigsten geburtstag feiern konnte und immer wieder in vielfältiger weise auf den literarischen betrieb in seiner heimat einwirkt, hat mit seinem neuen buch „platons gastmahl oder die liebe zum heroin“ einen über zweihundert seiten starken abriss von „vermischter prosa“ vorgelegt, wie der untertitel vermerkt.
diese vermischung ist einerseits dadurch gekennzeichnet, dass in den einzelnen texten ganz unterschiedliche genres zum zuge kommen: erzählungen mit phantastischen elementen kontrastieren mit essays über das schreiben und die wirkungsmacht oder -ohnmacht von literatur, offenbar autobiografisch geprägten erinnerungen eines reisenden an markante begegnungen oder gar dem bericht eines außerirdischen kulturforschers über die menschheit. doch es bleibt nicht allein dabei, sondern die genannten genres korrespondieren mitunter auch innerhalb der jeweiligen episoden miteinander; die eigentlich als essay angelegten „gedanken eines abgeschriebenen schriftstellers“ erhalten so etwas wie eine rahmenhandlung durch einen ich-erzähler, der eben noch über marx und joyce reflektiert und dann unvermittelt (streng am thematischen faden natürlich) auch schon mal aufs pfeiferauchen oder seine körperlichen gebrechen zu sprechen kommt.
dabei wirkt dieses eigenwillige literarische rezept in sich harmonisch und gesamt-komponiert. bornhöfts texte hinterfragen mit wenigen präzisen beschreibungen unsere zivilisation, sind hommagen an kunst und teilweise uraltes wissen, vor allem aber an die menschlichkeit wie in der titelgeschichte, in welcher ein sozialarbeiter mit dem signifikanten nachnamen ritter gegen die windmühlenflügel der rauschgiftsucht kämpft.
doch auch griechischen mythen wie dem eines flöte spielenden satyrs dichtet der autor einen neuen schluss an, um die erfindung des theaters plausibel zu machen („die wahrheit über marsyas“) und stellt damit freche und frische bezüge zu antiken literarischen vorlagen her.
bornhöfts unaufgeregter schreibstil und der leise, nachdenkliche humor, der seine texte durchzieht, machen diese zu lesenswerten beispielen zeitgenössischer kurzprosa, die man auch durchaus einmal einzeln als anregende lektüre zwischen zwei längeren texten genießen kann. am stück gelesen entfalten sie den charme schriftstellerischer vielfalt, mit der der autor seine leserschaft zu beeindrucken versteht.

vom duzen und anderen tayyipaden

immer wieder lese ich befremdet, dass türkische regierungspolitiker mitglieder der bundesregierung in ihren ohnehin wenig freundlichen tiraden duzen. dabei wäre mir neu, dass herr gabriel mit seinem amtskollegen cavusoglu schonmal zusammen irgendwo ziegen gehütet hätte. oder dass merkel und der neoosmanische sonnensultan seit der unterzeichnung des flüchtlingseinbehaltungspaktes bei irgend einer gelegenheit blutsbrüderschaft geschlossen hätten. vielleicht liegt das ja an den besonderheiten der türkischen sprache? dem in unkenntnis befindlichen mutet’s freilich besonders ungehobelt an. aber wen stört das wirklich? reisewarnungen verhallen offenbar ungehört, das schicksal von kurden, frauen, oppositionellen, deutschen staatsbürgern und ähnlichen vernachlässigbaren randgruppen scheint hierzulande kaum zu interessieren. der urlaub in der türkei ist günstig, sonne und meer unpolitisch. wo ist das problem? ganz einfach. heute die, morgen wir. wenn wir allen tayyipaden zum trotz so tun, als ginge uns das alles nichts an, verbieten wir uns gar selbst den mund. konsequenz wäre gefragt: abzug aller deutscher truppen aus der türkei (incirlik ist nur ein standort von mehreren), keine panzerdeals, beendigung der eu-aufnahmegespräche. am besten gleich selbst aus der nato austreten. ja, genau das. wenn sich deutschland innerhalb eines verteidigungsbündnisses mit schurkenstaaten wie den usa oder der türkei befindet, ist austritt die einzig angemessene antwort. aber mit einer regierung, die sich offenbar eher als merkantilophile einschlafhilfe missversteht, wird all das nicht zu haben sein. und mit dem deutschen facharbeiter, dem sein suv und sein reihenhaus näher ist als irgendwelche überzeugungen, auch nicht.

naked views on fake news

alle welt spielt nur noch wechstabenverbuchselung mit uns. journaille und politik, kultur und klassenkrampf etikettieren tendenziell fast alles zu fake news. zeit für den ewigen anagrammatiker, auf seine weise zurückzuschlagen. schauen wir uns doch mal ein paar namen an und woraus sie bestehen. „angela merkel“ zum beispiel, mühelos umgruppierbar zu „klare maengel“. wird trotzdem wieder kanzlerin, wegen koalition mit „cem oezdemir“, dem grünen mit der „commerzidee“. wenn nicht mit dem, dann mit „christian lindner“, dem forschen vorturner der deutschen apothekerpartei und seinen neoliberalen „randstrichlinien“, die garantiert wieder zulasten der armen und schwachen übertreten werden. und wenn alle stricke reißen halt mit dem „multischranz“ der sozen, „martin schulz“. die analysen sind da. politik ist wie beton: es kommt drauf an, was man draus macht.

wiedergesehen: aufstand der alten 

das zdf-dokudrama von 2007 über die ungeheurlichen machenschaften von staat und privaten konzernen ist angesichts der drohenden wiederkehr der schwarz-gelben wespenkoalition im herbst 2017 so aktuell wie nie: im jahr 2030 tritt die gesamte bundesregierung geschlossen zurück, nachdem ein skandal in der versorgung von senioren auffliegt. inzwischen gibt es für alle nur noch eine mickrige grundrente, das rentenalter ist auf 70 jahre heraufgesetzt, pflege in deutschland für viele zu teuer. die weniger begüterten alten werden aus kostengründen in heime in afrika abgeschoben, die ärmsten von ihnen verschwinden dort auf nimmerwiedersehen. der rentner sven darow ermittelt auf eigene faust und bezahlt dies mit seinem leben. das ruft die investigative journalistin lena bach auf den plan. spannend gemacht und leider noch immer ein nicht ganz unwahrscheinliches szenario. social-fiction-doku und spielfilm gehen eine gelungene symbiose ein, auch wenn die schauspieler mitunter etwas holzschnittartig agieren und die erörterung der eigentlichen ausgangsproblematik (rückzug des staates aus gesellschaftsrelevanten aufgabenstellungen unter hinweis auf angeblich fehlende finanzierbarkeit) leider nur oberflächlich thematisiert wird. dafür glänzt der im original dreiteilige streifen (der zusammenschnitt auf youtube bringt es auf über zwei stunden) durch wachsende spannung und hinterlässt bei allen nach 1960 geborenen einen sehr bitteren nachgeschmack. vielleicht auch die überlegung, es am 24. september mal mit einem kreuzchen bei einer ganz anderen partei zu versuchen? kleiner tipp: was sich alternative nennt, ist meistens keine.

literarische helden von gestern

und die haltungen, wie sie dann immer wieder enttäuschen: man denke nur an wolf biermann anlässlich 25 jahre mauerfall vor dem deutschen bundestag, wie er abgeordnete der linken, die nun wirklich gar nichts mehr mit dem elend der ddr zu tun hatten, die einzigen, die sich noch irgendwie widerständig zeigen gegen den allgegenwärtigen fetisch der marktkonformen demokratie, abkanzelte mit einer unerträglich selbstgerechten privatdozentenattitüde, dass man ihn gerne in seinen traurigen bardenarsch getreten hätte. und das waren mal literarische helden, die heute als systemkonforme vorzeigeaufmucker das hohelied der alternativlosen deutschland-geht-es-gut-rethorik singen. dann doch weit lieber gedichte von jan wagner und eine haltung zum giersch – aber was für einer! das feinsinnige und bildungsbürgerliche ist im zweifelsfall einer fragwürdig gewordenen literarischen allüre, die links blinkt und rechts abbiegt, jederzeit vorzuziehen.

miss achtung, dieses alte nummerngirl

am freitag ist es soweit, höre ich: der bundestag fordert mehrheitlich die homo-ehe mit allen rechten. hilfe, als frischgeschiedene linke hete möchte ich aber gar nicht alle faschistoiden schwulen dieser republik heiraten müssen. ach so, man spricht mir von miss verständnis. die dame war mir gar nicht bekannt. ja, wenn das so ist, dann man tau, nur der kretschmermichel kretscht noch im kauder-welsch dagegen, zusammen mit ein paar christsozialen haxengesichtern. sagt doch auch schon die etymologie, das wort ehe komme aus dem westgermanischen und bedeute gesetz, vertrag, im weiteren gebrauch durch alt- und mittelhochdeutsch auch ewigkeit. also definitiv nix mit mann und frau. wurscht, von mir aus könnten die alle auch ihren hamster heiraten, gesetzt, der hamster wäre in der lage, eine klare diesbezügliche willensbekundung zu äußern. aber am schlimmsten an der sache ist, dass wieder mal ein gigantisches tamtam an political correctness um eine klitzekleine selbstverständlichkeit veranstaltet, dabei aber eisern verschwiegen wird, dass sich ansonsten an den machtverhältnissen nichts ändert, ganz egal, ob merkel oder schulz ab september die miss achtung des volkes im kanzleramt küren werden. die dame kenne ich jedenfalls.

nrwierend

dieser spd-wahlkrampf in nrw, wo jeder plakatspruch mit einem infantilen nrwir beginnt. unser nrwirbelwind, die frau von kraft und herrlichkeit, die es gern ab mitte mai dann rot mit dem rosa (vormals gelben) zipfelchen hätte. man stelle sich vor, die anderen hingen ebenfalls an diesem werbetropf. nrwirkmächtige sprüche vom laschen fängt mit l an, hört mit t auf und dazwischen nichts als asche. nrwirsinggrünes von den ökos, nrwirkommenleiderwiederrein von der lindnerpartei. die notorischen braun-blau-verwechsler mit flotten spatenstichen nach unten weggetreten, nrwirdsbald?! und für die linke reichts womöglich nrwirklich endlich wieder, wäre ja ein anfang. nrwierend, aber tröstlich: bis 14. mai ist großes geschrei, ab 15. mai ist alles vorbei.

anorexit now

alle wollen oder sollen wieder raus. grexit, brexit, nexit, frexit, neuerdings wird schon der termin für orbans uxit gehandelt. macht doch gleich einen eurexit. europa tritt aus sich selbst aus, das spart im hinblick auf die nicht enden wollenden bürokratievorwürfe in richtung brüssel die einzelverfahren. auch mein blick in den spiegel zeigt überdeutlich: ich muss mich aus mir hinaushungern, dieser körper ist nicht mehr zu ertragen. also anorexit now. auf japanisch heißt dieser vorgang übrigens harakiri.

mallorca, kloster lluc

das nichtinfragestellen vergangener heilsversprechen wird mit steinernen und bronzenen büsten belohnt. posthum ehren sich überlebte systeme selbst. in fels gehauenes, in erz gegossenes geflissentliches ignorieren der eigenen vergeblichkeit, der obsoleszenz angesichts schwindender wahrnehmung durch die inzwischen anderweitig manipulierten massen: das ist jedoch nur eine lesart dessen, was geschehen ist. denn die mehrheit will ja gern glauben, was geschrieben steht. wo kämen wir sonst hin? in die selbstverschuldete mündigkeit etwa oder in ein frühes kalifat? dann sich lieber liebend erinnern an unliebsames. mit der kirche ist das wie meist im rückblick: es war nicht alles schlecht.

obsoletten

auf das wort oligarch lässt es sich trefflich rülpsen. schon klar, wer als russe nicht will, dass sich die welt vor russland fürchtet, ist ein schwuler balletttänzer. außerdem: der russe ist schuld. immer. und der russe steht vor der tür. vielleicht sollten wir ihn endlich mal hereinbitten. dann wäre der ami am küchentisch nicht immer so allein. und auch der sultan bläst die backen auf, und wir haben immer noch unsere spielsachen in seinem laufstall bei incirlik liegen. wer shit sät, wird storm ernten. wer nichts erkennen will, sieht am besten mit der lesebrille zum horizont. wir wissen nicht, was ihnen ihr freundlicher geschichtsmüllmann empfiehlt; wir empfehlen bei galloppierender historignoranz obsoletten.

ironie und regenbogen

zu fuß am mittellandkanal unterwegs, bei wechselwetter quer durch mindens industriegelände. ein frachter richtung hannover, der nicht sehr tief im wasser liegt – wenig ladung, dafür bittere sprüche auf der bordwand: „hier spricht käpt’n niveau, wir sinken“ und „fahren bis herr zwegat kommt“. am rangierbecken kurz vor der karlstraße scheint dann die sonne. an eine metallplanke gelehnt drei ruderbooten nachsehen, danach rückmarsch. es zieht wieder kurz zu, peitschende regenböen ins gesicht nötigen dazu, rückwärts zu gehen. dann hellt es wieder auf, und auf dem wasser kurz hinter dem rangierbecken bildet sich immer deutlicher das ende eines regenbogens. da also ist der topf mit dem gold vergraben. man könnte nochmals das niveau senken und danach tauchen, bis herr zwegat kommt.

traumpolderland

immer wieder suche ich anagramme, um einen tieferen sinn zu entdecken. und immer wieder werde ich dabei, auf mitunter erschreckende weise, fündig. „realdonaldtump“, die twitteradresse des amerikanischen präsidenten, wird so vom „traumpolderland“ zum „alptraum, lodernd“. diskursanalytisch bewege ich mich offenbar geistig immer noch in der episteme der analogie, foucault möge mir verzeihen. aber es kann schließlich nicht jeder auf der höhe der zeit sein. donald trump ist es ja auch nicht.

durchlauferhitzer

die gegenwart, dieser durchlauferhitzer der zeit, der unentwegt aus zukunft vergangenheit macht: da soll das leben sein? im augenblick? im moment einer sinneswahrnehmung, die unmittelbar danach wieder in den höheren oder tieferen schichten des erinnerns versinkt? im entstehen eines gedankens, der aufblitzt und zu asche zerfällt, bevor ich das wort ‚jetzt‘ sagen kann?

neues vom tage (mit der relevanz vom letzten jahr)

an gleis eins die verbringung der heiligen familie in holzschnitt und lebensgröße per sackkarrenkonvoi durch die bahnhofsmission. blick auf vergilbende zeitungsseiten im vorbeiwehen: der weltrekord im kanonsingen wird von tausenden turkmenen durch darbietung der vom despoten selbstverfassten präsidialhymne gebrochen. ein pontifex, welcher allen straßenzeitungen europas ein exklusivinterview gewährt. ich weiß, dass es für mich kein bleiben gibt. aber auch kein losmarschieren. es ist ein diffundieren durch die wände der vergangenheit. dort, wo ich mich wieder materialisiere, scheint der moment zu sein, auf den ich nicht gewartet habe.

postfaktisch

lautet das neue modewort, das uns allerorten entgegenschallt. postfaktisch ist alles, was den selbsternannten eliten gegen den strich geht. dabei ist postfaktisch nur das neue alternativlos. nur rautenzersetzend eben. das entlarvende anagramm zu postfaktisch lautet kopfstatisch.  vielleicht hat’s ja bei denen, die diesen neologismus ständig im munde führen, auch etwas damit zu tun? wer war noch gleich diese anna lühse, von der früher immer alle gesprochen haben, die aber heute keiner mehr zu kennen scheint?

sommerverlängerung

übrigens: vinylscheiben mit hawkins & his hawaii trio im perfekten retrolook und -sound verlängern den sommer auch bei zweifelhaftem herbstwetter. steel guitar im stil von western swing bands der 50er. leichter, aber durchaus virtuoser instrumentaljazz mit einem ordentlichen schuss kitsch und augenzwinkern. wer hat’s erfunden? in diesem fall die schweden, denn hawkins heißt mit bürgerlichem namen andre hakwinsson und zupft seine anheimelnden akkorde in der heimat von elch und volvo. wer’s mag. also ich schon.

hörprobe unter https://youtu.be/FY48Wd6Zs6U

moderne lyrik ist nicht neoliberal

der lyriker ulf stolterfoht, der auch das literarische kleinlabel brueterichpress betreibt, setzt auf die kraft des abonnements, um die bei ihm erscheinenden gedichtbände zu verkaufen. er verlangsamt damit zumindest die gefahr, auf das wirtschaftliche aus zuzutreiben. aber wieviele abos von wie vielen lyrikverlagen könnte man als geneigter leser, ausgestattet mit einer geldmenge im bereich des bundesdurchschnittlichen denn so haben, wenn ein band bei brueterich auch um 25% ermäßigt noch immerhin 15 euro kostet? eben. der einfall mag eine lösung für den kaufmännisch findigen ulf stolterfoht sein, er taugt aber nicht wirklich zur massenhaften kopie durch andere verlage. die tatsache, dass nur geschätzt 1.263 menschen in deutschland moderne lyrik kaufen,  o h n e  dass sie auch welche verfertigen, lässt sich dadurch nicht relativieren. und besagte 1.263 menschen kaufen ja auch nur hin und wieder, was ihnen gefällt, und die geschmäcker sind bei moderner lyrik ungefähr genauso verschieden wie bei jeder anderen sparte von literatur. vielleicht müssen wir uns von der vorstellung befreien, dass gedichte geld einbringen. aber sie machen dennoch reich. diejenigen, die sie schreiben und diejenigen, die sie lesen. und das nicht nur in bezug auf ihren inhalt oder ihre form. denn sich mit moderner lyrik zu beschäftigen heisst nicht weniger, als sich einer sonst fast nicht mehr auffindbaren nische der gesellschaft zu verschreiben: der wirtschaftlichen nutzlosigkeit. moderne lyrik hat damit ein soziales alleinstellungsmerkmal unter allen künsten: sie ist nicht neoliberal, sie verschließt sich so konsequent dem kommerz wie keine andere kunstform. es geht also nicht darum, sie einem markt anzupassen, dafür taugt sie schlichtweg nicht; es muss darum gehen, sie gegenzufinanzieren. darum sägen lyriker bretter in baumärkten zu, darum jobben lyrikerinnen an der tanke, darum nehmen verleger regionalkrimis und verschenktextchen ins programm. lyrik ist der pure luxus, den man sich leisten sollte. lyrik ist gleichzeitig überlebensnotwendig, mindestens für die, die sie schreiben. und also wird sie auch immer irgendwie veröffentlicht werden. im kartoffeldruck. handgeschrieben. auswendig aufgesagt vielleicht. lyrik ist solange unkaputtbar, bis der letzte grabspruch gesprochen ist.

sic! (schreiben in cafés)

die bedienung im walis ist eine hübsche dunkelhaarige frau um die dreißig und trägt ein t-shirt mit dem schriftzug des cafés hintendrauf. bemerkenswerter als das ist jedoch das tatoo einer schreibschrift, die sich offenbar über ihr gesamtes dekolleté zu ziehen scheint – nur ein teil davon ist für den betrachter theoretisch lesbar, am halsausschnitt eben. so bleibt es eine geheimschrift, denn auch die sichtbaren teile sind der schreibschrift wegen nicht unmittelbar zu erfassen; man müsste sie einer eingehenden optischen untersuchung unterziehen, was einem unter umständen eine ohrfeige eintragen könnte. entschuldigung, aber ich habe ein rein literarisches interesse an ihnen. ich lasse doch nicht jeden in meiner intimsphäre herumlesen, sie alter sack. so weit, so peinlich. den herausgebern und verlegern scheint jedoch gar nichts peinlich zu sein, was persönlichstes schrifttum ihrer autoren angeht. so verfügte hubert fichte, verstorben 1985, testamentarisch die vernichtung seines gesamten briefverkehres. der mit seiner langjährigen geliebten und freundin, der fotografin leonore mau, ist nun bei fischer erschienen, und diese tatsache wird von cord riechelmann in der taz von gestern als „glücksfall“ bezeichnet. schön, aber wen geht´s was an? was wiegt schwerer, das literarische interesse der öffentlichkeit oder die verfügung eines autors über sein werk? zugegeben, kafkas stellung als dichter wäre eine andere, hätte max brod auf ihn gehört und alle unveröffentlichten schriften ins feuer geworfen. wäre das so schlimm? wissen wir denn, was an fragmentarischem von anderen (unbekannteren) autorenpersönlichkeiten vielleicht heute als bahnbrechend empfunden würde, von dem wir aber gar nichts ahnen, weil ihrem wunsch nach vernichtung des fraglichen materials entsprochen wurde? wir wissen es eben nicht. problematisch ist doch, dass offenbar nur ein (seelen-)striptease zum besseren, weil tieferen werkverständnis führen soll. die hübsche cafébedienung macht sich auch nicht für mich frei, nur weil ich wissen will, was auf ihr geschrieben steht. auch wenn das in mehrfacher hinsicht schade ist, ist es dennoch völlig in ordnung.

jedenfalls werde ich fichtes liebesbriefe nicht lesen.

la vie folle

es ist einer dieser norddeutschen zwanziggradhochsommer, ein noch-sommer schon im aufkeimen, mit diesen unten leicht grau angeschmutzten schönwetterwolken, die ich liebe, seit ich sie zum ersten mal sah vor jahren. ich habe die schnellen landstraßen verlassen, bin dem asphalt gefolgt ins mittelstrichlose, vorbei an verfallenen mühlen und längst geschlossenen gasthöfen irgendwo im nienburgischen. halt an einer hölzernen bank am treffpunkt zweier zufahrtswege zu mais- und gerstenäckern. von fern: metallische erntegeräusche, ein raffgieriges dröhnen, das immer schwächer wird. dann: stille. wind. das schwätzeln von grasmücken. ich liege auf der bank, eichenlaubbeschattet, und höre meiner diastole beim sinken zu. noch so ein paar tage, und alle medikamente sind obsolet. dazu die neuen gedichte von anna breitenbach mit ihrem lakonischen siebzigerjahresound. la vie folle. das volle leben. nur für ein glas weißwein ist es noch zu früh.

wesermorgen, schiffmühle minden

der wind trägt einen leisen duft heran, der bienen anlocken wird, sobald es warm genug dafür ist. die weser kommt und geht lautlos. ihr bruttomondialprodukt ist das goldene schimmern auf ihrer oberfläche, das sie zusammen mit der sonne erwirtschaftet. die alten kategorien sind noch da, alle vögel sind schon da, dafür erfreulich wenige menschen. dennoch will sich ein gefühl der kontemplation nicht einstellen. ich rieche, ich sehe, ich fühle und habe trotzdem nicht das empfinden, dazu zu gehören. ich bin teil der welt, ohne ein teil von ihr zu sein. ich bin ich, ohne ich zu sein. ich scanne das ufer wie eine jagdmaschine, als wäre ich ein tier und kongruent mit mir. und gehe doch anschließend brötchen kaufen. ist das selbsterhaltungstrieb, ein automatismus? leben ist wie das wasser vor mir, kommt und geht ohne bestimmung, mindestens jedoch ohne bestimmbarkeit. leben ist. das akzeptieren fällt mir vorläufig schwer.

terrasse der kocherei, bielefeld, hochsommer.

am nebentisch erklärt jemand mit geschliffenen worten das bedingungslose grundeinkommen und warum der real existierende lobbyismus der pickel am arsch der deutschen demokratie ist. der salat ist viel trockener als die rede. die bedenkenträger mögen trotz der hitze nicht ihre bedenken abstellen. die pinkfarbene riesenluftballonhündchenplastik vor dem eingang zum lenkwerk scheint im licht zu schmelzen, eine brutzelnde bratwurstskulptur. die seminaristen tauschen emailadressen und teller mit häppchen unverdaulicher substanzen, die sich wechselweise als nahrung oder als information tarnen. die bedienung verliert den überblick, aber nicht ihr bezauberndes lächeln. angst ist kein thema. das allein ist schon ein anfang.

moin aus der mindener mottenkiste

so, leute, nachdem das auf ello irgendwie auch ein reinfall war (viele bunte bildchen, aber kaum relevante wortbeiträge, schon gar nicht in deutscher sprache), versuche ich es nun mal mit dem „klassischen“ bloggen. nun ja, so schnell geht klassisch, das bloggen ist schließlich erst (oder eben doch schon?) rund zwanzig jahre alt. und der neuert blitzmerkt es immerhin auch schon, der ewige arrieregardist. also versuchsweise wordpress, on verra… bis bald also mit (hoffentlich qualifizierteren) beiträgen.